Darf ich meinen Chef kritisieren? – Zielführende Kritik in 5 Schritten

Karrieretipps für Ihren Erfolg

Darf ich meinen Chef kritisieren? - Zielführende Kritik in 5 Schritten

Darf ich meinen Chef kritisieren?
Vorgesetzte sind Menschen wie du und ich. Auch sie machen Fehler und verhalten sich nicht immer korrekt. Alles einfach hinnehmen und akzeptieren, nur weil es »von oben« kommt, müssen Sie als Mitarbeiter aber nicht. Die Antwort auf die Frage »Darf ich meinen Chef kritisieren?« lautet also ganz klar: Ja! Sagen Sie ihrem Chef ruhig mal die Meinung! Denken Sie dabei aber stets an Ihre Umgangsformen und daran, dass es der Ton ist, der die Musik macht. Wir zeigen Ihnen, wie Sie Ihren Chef zielführend und konstruktiv kritisieren.

Den Chef kritisieren? – Aber bitte richtig!
Auch Führungskräfte haben hin und wieder Kritik verdient – positive wie negative. Doch viele Mitarbeiter schweigen, weil sie Angst um ihren Job haben. Manche melden sich nicht einmal dann zu Wort, wenn der Chef sie wiederholt vor versammelter Mannschaft maßregelt, geschweige denn, wenn er es »nur« versäumt, wichtige Informationen weiterzuleiten. Andere wiederum sprechen die Missstände zwar mutig an, treten dabei aber prompt ins nächstbeste Fettnäpfchen. Indem sie den Chef (meist unbeabsichtigt) provozieren, verbessern sie die Situation nicht. Im Gegenteil: Sie machen sie nur noch schlimmer.

So kritisieren Sie Ihren Chef richtig
Wer mit seinem Vorgesetzten Klartext reden will, sollte dies wohl bedacht und ausschließlich unter vier Augen tun. Platzt Ihnen in einer Situation beinahe der Kragen, atmen Sie erst einmal tief durch, sagen Sie nichts – und heben Sie sich Ihren Ärger für ein späteres (gut vorbereitetes und sachliches) Gespräch auf. Bevor Sie drauf los wettern, betrachten Sie die ganze Angelegenheit erst einmal in Ruhe unter neutralen Gesichtspunkten und zu guter Letzt auch aus der Perspektive Ihres Gegenübers. Erst danach sollten Sie Ihre Kritik äußern.

Ein Beispiel aus dem Berufsalltag
Anne ärgert sich regelmäßig über ihren »lahmarschigen« Chef Uwe. Weil er ihr wichtige Informationen nicht rechtzeitig weiterleitet, kommt sie immer wieder vor Kundenterminen ins Schwitzen: Auf die Schnelle muss sie längst fertige Dokumente abändern. Klar, dass sich dabei dann auch schon mal der ein oder andere Fehler einschleicht! Mitunter vergisst Uwe sogar ganz, Anne »gewisse Kleinigkeiten« mitzuteilen und lässt sie vor dem Kunden als die Dumme dastehen.

Ist Annes Vorgesetzter einfach nur etwas trantütig und vergesslich oder lässt er sie absichtlich auflaufen? Egal. Wie dem auch sei: Für Anne ist beides ärgerlich. Nur zu gerne würde sie ihren Chef zur Rede stellen, traut sich aber nicht und schiebt das Gespräch immer wieder hinaus. Bis ihr beim nächsten Mal der Kragen platzt – und sie ihrem Chef ihre Kritik wenig überlegt und ungefiltert an den Kopf wirft.

Karrieretipp: Vorsicht, falsche Kritik!
Annes erste Reaktion, die sie Uwe am liebsten sofort nach dem nächsten Kundengespräch vor den Latz ballern möchte: »Das konnte ja nur in die Hose gehen! Die ganzen Fakten haben Sie mir wieder mal nicht gesagt. Und die Unterlagen über das neue Produkt des Kunden habe ich auch viel zu spät von Ihnen bekommen.«

Die Reaktion ist verständlich, aber falsch. Die Worte »wieder mal« und »zu spät« lassen jeden Gesprächspartner aufschrecken: Sie sind keine objektive Kritik, sondern eine subjektive Wertung. Indem Anne Uwe als den Schuldigen dastehen lässt und ihm nur das mitteilt, was ihr nicht passt, wird sie ganz sicher nicht zu ihrem Ziel kommen: Ihr Vorgesetzter wird nur patzig reagieren, an seinem Verhalten aber ganz sicherlich nichts ändern. Beim nächsten Mal bekommt sie die Infos wieder zu spät. Vielleicht dann sogar wirklich mit Absicht!

Karrieretipp: Zielführende Kritik in 5 Schritten
Zielführende Kritik, Schritt 1: Anne sollte ihr Gespräch mit einer positiven Einleitung beginnen, in der sie ihren Chef für etwas lobt, was bei dem Kundentermin – trotz aller Umstände – gut verlaufen ist. »Ihr Hinweis auf den zusätzlichen Werbeeffekt hat den Kunden neugierig gemacht. Darauf würde ich gerne weiter aufbauen.« Damit nimmt Anne ihrem Chef den Wind aus den Segeln und zeigt ihm, dass sie ihn mit ihrer Kritik nicht persönlich angreifen will. Und viel mehr noch: Sie zeigt ihm, dass sie gerne weiter für ihn arbeitet und seine Ideen schätzt. Damit sollte sie jetzt »freie Fahrt« für ihre kritischen Anmerkungen haben.

Zielführende Kritik, Schritt 2: Wichtig ist, dass sie diese sachlich-neutral und wertfrei an den Mann bringt. Statt dem Chef entgegenzuschleudern, dass sie einige Infos wieder mal gar nicht und andere zu spät bekommen habe, schildert sie ganz neutral die Fakten: »Ich hatte leider nicht alle Infos, um die Präsentation genau auf den Kunden abzustimmen. Die Details aus den gestern erhaltenen Produkt-Sheets konnte ich bis zum Termin heute Morgen nur grob berücksichtigen.« Das wird der Chef nicht als Kritik an seinem Verhalten sehen. Allerdings wird er wahrscheinlich auch noch nicht erkennen, was er damit zu tun hat.

Zielführende Kritik, Schritt 3: In Schritt 3 stellt Anne daher ihre »Forderung«: »Um unsere Konzepte optimal auf die Bedürfnisse des Interessenten auszurichten, brauche ich alle relevanten Informationen spätestens fünf Tage vor dem entsprechenden Termin.« Dieser Schritt ist ganz entscheidend! Hier darf Anne nicht um den heißen Brei herumtanzen. Hier muss sie ihrem Chef klar und deutlich sagen, was sie eigentlich will, nämlich ausreichend Vorlauf, um ihre Aufgabe optimal erledigen zu können.

Zielführende Kritik, Schritt 4: Zu guter Letzt ködert sie den Chef mit dem Nutzen, den er von der vorgeschlagenen Vorgehensweise hat: »Das Konzept wird damit viel klarer, der Nutzen für den Interessenten leicht verständlich. Nachträgliche Erklärungsgespräche entfallen, und wir zeigen dem Kunden, dass wir sein Anliegen schon vor der Auftragsvergabe bestens verstanden haben und umsetzen werden.« Annes Argumente zeigen dem Vorgesetzten Pluspunkte fürs Unternehmen auf. Was sie selbst davon hat (stressfreieres Arbeiten, Beweis von Kompetenz und das Vermeiden, als Schuldige dazustehen) muss und sollte sie hier nicht erwähnen.

Zielführende Kritik, Schritt 5: Kontert der Vorgesetzte damit, dass er die Infos ja meist selbst erst kurz vor dem Termin erhält, muss Anne verhandeln und ihm vielleicht drei Tage Vorlauf einräumen. Auch ein Vorgesetzter muss sich mal auf den Hosenboden setzen und dafür sorgen, dass sein Team optimal arbeiten kann! Außerdem sollte Anne sich darauf einstellen, dass sich trotz des gut verlaufenen Gesprächs nicht gleich eine Verbesserung einstellen wird. Vermasselt der Chef es beim nächsten Termin wieder, wird sie die fünf Kritik-Schritte nochmals mit ihm durchlaufen. Je nach Chef ist hier ein langer Atem gefragt!

Karrieretipp: Das ist tabu, wenn Sie Ihren Chef kritisieren wollen:
Weiter oben haben wir bereits gesehen, dass Wertungen und Absolutismen wie »zu spät«, »immer« etc. im Gespräch mit Vorgesetzten – und auch bei jeder Kritik anderen gegenüber – tabu sind. Ebenfalls verzichten sollten Sie auf Gejammere, Besserwisserei und Belehrungen. Sätze wie »Das müssen Sie anders machen!«, »Sie machen immer …« oder »Sie machen nie …« gehören ebenso wenig zu einer sachlichen Kritik wie Sticheleien und Verallgemeinerungen bzw. das Verstecken hinter der Meinung anderer: »Die Kollegen und ich finden, dass …«.

Im Sinne einer zielführenden, konstruktiven Kiritik ist es erlaubt…
… Gefühle und die eigene Sichtweise darzustellen. So dürfen Sie auch Führungskräften ruhig offen sagen, wenn Sie enttäuscht oder frustriert sind. Sprechen Sie dann aber auch bewusst in der Ich-Form: »Ich bin enttäuscht, weil …«. Wenn Sie Führungskräften Ihre Sichtweise verständlich machen wollen, zeigen Sie ihnen dabei, dass Sie auch ihre Seite verstehen: »Ich verstehe, dass …«, »Ich sehe, dass …«

Karrieretipps für eine zielführende Kritik am Chef – kurz zusammengefasst
1) Kritisieren Sie Ihren Chef (und auch andere Personen!) niemals vor anderen.

2) Kritisieren Sie Ihren Vorgesetzten niemals spontan aus der Situation heraus.

3) Legen Sie sich Ihre Kritikpunkte gedanklich zurecht, bevor Sie mit Ihrem Chef sprechen.

4) Beachten Sie die individuelle Kritikfähigkeit Ihres Gegenübers und stellen Sie sich auf seine Reaktionen ein.

5) Beginnen Sie Ihre Kritik mit einer positiven, lobenden Einleitung.
Kritisieren Sie Ihren Chef, indem Sie ihm neutral die Fakten schildern.

6) Bleiben Sie stets ruhig und freundlich, wenn Sie jemand kritisieren

7) Vermeiden Sie in Ihrer Kritik Wertungen und Belehrungen.

8) Vermeiden Sie Jammerei, Sticheleien und Verallgemeinerungen.

9) Sagen Sie ihrem Gegenüber klar und deutlich, was Sie sich von ihm wünschen, um optimal zusammenarbeiten zu können.

10) Zeigen Sie Ihrem Chef den Nutzen auf, den er davon hat, wenn er auf Ihre Wünsche und Forderungen eingeht.

Autor: Nicole Marschall

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